Timbersportler
Gesellschaft

Irgendwie aus anderem Holz

Oliver Reinhard hält die rund drei Kilo schwere Axt in der Hand. Er überprüft die Klinge mit dem Daumen auf ihre Schärfe. Die Klinge ist so scharf, dass man sich damit rasieren könnte. Der junge Mann steht in einer Remise vor einem senkrecht verankerten Holzblock mit einem Durchmesser von etwa 30 Zentimetern. Es ist kalt. Atmet er aus, sind Dampfwolken sichtbar. Er hält den etwa 80 Zentimeter langen Holzstiel der Axt in der Hand und positioniert sich ähnlich wie ein Golfer, der mit dem Eisen zum Schwung ausholen will. Dann schlägt er das Werkzeug von unten her mit voller Wucht und Präzision in den Holzblock. Holzteile fliegen durch die Luft. Immer wieder schwingt er die Axt und treibt die Klinge ins Holz, bis der Holzblock durchtrennt ist. 

Oliver Reinhard übt die Disziplin Standing Block Chop. Am Swiss Rookie Cup machte er in 19, 77 Sekunden die Pappel zu Kleinholz.

Standing Block Chop nennt sich diese Disziplin der Stihl Timbersports Series. Die Athleten simulieren damit das Fällen eines Baumes. Europäische Top-Zeiten liegen zwischen 15 bis 20 Sekunden. Somit liegt der 20 jährige Oliver Reinhard aus Waltalingen genau in dieser Zeit. Er gehört zum vielversprechenden Schweizer Nachwuchs. Er ist ein Rookie, ein «Frischling». Seit zweieinhalb Jahren übt er den Holzfäller-Sport aus. Am Swiss Rookie Cup, der im Juni 2019 in Lenggenwil ausgetragen wurde, belegte er den 1. Platz. In nur 19, 77 Sekunden machte er aus dem Stamm Kleinholz. Am Internationalen Rookie Cup, der im Rahmen der Schweizer Meisterschaft im Sportholzfällen im August 2019 an der Forstmesse in Luzern durchgeführt wurde, belegte der 1,86 grosse Mann den zweiten Platz nach einem Österreicher – mit nur einem Punkt Rückstand. Dieser eine Punkt ärgere ihn noch immer ein wenig, erzählt er mit einem Grinsen im Gesicht.

Erfolgreiche Frauenpower

Die Remise auf einem Bauernhof in Unterstammheim ist Übungshalle und Treffpunkt des Vereins Axemen Club Nordostschweiz. Zwölf Personen sind Mitglied. Hier üben und trainieren die Sportler auf Wettkämpfe und Showanlässe. Ein bis zweimal in der Woche, jeweils Abends, ist auch Yolanda Hagmann aus Ramsen hier anzutreffen. Die 34-jährige Landschaftsarchitektin gewann im August in Luzern den Schweizer Meistertitel der Damen. Sie ist in der Schweizer Datenbank bei Stihl Timbersports als einzige Frau unter «die besten Schweizer Sportler» aufgeführt. Die Wettkampfsaison dauert von April bis Oktober. «Jetzt im Winter reicht es einmal in der Woche zu trainieren», sagt die schlanke, eher zierliche Frau. Ihr würde man diesen «brachialen» Sport auf den ersten Blick nicht zutrauen. Doch irgendwie ist sie aus anderem Holz geschnitzt. «Als Frau bin ich sicher im Nachteil, was die Kraft angeht. Aber mit Technik lässt sich viel herausholen», sagt sie. Und darum geht es im Holzfäller-Sport: Präzision, Timing und Koordination.

«Als Frau bin ich sicher im Nachteil, was die Kraft angeht. Aber mit Technik lässt sich viel herausholen.»

Yolanda Hagmann

Yolanda Hagmann ist in Kanada in der nähe von Halifax in der Provinz Nova Scotia aufgewachsen. Im Alter zwischen acht und 20 Jahren sei sie ambitionierte Eiskunstläuferin gewesen. Durch eine Freundin sei sie aber dann auf Woodchopping, den Holzfällersport, gestossen. «Am College war das Holzhacken eine Hauptsportart», erzählt sie. So habe sie die Schlittschuhe gegen Motorsäge und Axt getauscht – das war 2006. 

Yolanda Hagmann kommt mit Technik ans Ziel: Die Disziplin Underhand Chop simuliert das Zerteilen eines gefällten Baumes. 

Sie zieht die warme Jacke aus, greift nach einer Axt und steigt breitbeinig auf einen horizontal verankerten Holzblock. Sie atmet tief durch und beginnt, den Block zu zerteilen, zuerst von der einen, dann von der anderen Seite. Die Disziplin Underhand Chop simuliert das Zerteilen eines gefällten Baumes. Die Sportler sind überall in der Remise verteilt am trainieren. An diesem Abend sind es Oliver Reinhard und Yolanda Hagmann, Stephan Hübscher, Rico Aeschbacher, David Frei und Pirmin Gnädinger, der Lebenspartner von Yolanda Hagmann. 

Spezielle Holzarten

In der Zwischenzeit hat Oliver Reinhard einen neuen Holzblock von Draussen geholt. Er stellt ihn auf, spannt ihn wieder mit Schrauben fest. «Das ist Pappel-Holz», sagt er. Für diesen Sport könne man nicht einfach eine beliebige Holzart nehmen, erklärt der gelernte Forstwart. Die Pappel habe den Vorteil, dass sie sehr viel Wasser enthalte und lange frisch bleibe. Auch Weymouth-Föhre sei ideal. An Wettkämpfen werden diese Holzarten verwendet, um allen Teilnehmern die gleichen Voraussetzungen zu gewähren. Angebaut werden die Baumarten auf Plantagen im Ausland. 

Die Mitglieder des Vereins lassen sich das spezielle Holz als ganze Stämme auf den Hof liefern. Mit einem umgebauten Mistkran kann man die Stämme hochheben und Blöcke absägen. Mit einem Abdreher lassen sich die Blöcke maschinell schälen. Die Pappeln liegen ungedeckt auf dem Lagerplatz. Feuchtigkeit kann Pappeln nichts anhaben. Hitze und Trockenheit schadet dem Holz. «Es würde gummig werden und einen Schlag der Axt hart abfedern», sagt Oliver Reinhard. Er greift wieder zur Axt, bringt sich in Stellung und holt zum Schlag aus.

«Eine Familie»

Yolanda Hagmann hat sich eine Motorsäge geschnappt, Schnittschutzhosen umgelegt, Brille und Ohrschutz angezogen. Dann lässt sie die Motorsäge, eine MS 661, knattern. Die Motorsäge ist ein Serienmodell und wird bei Wettkämpfen in der Disziplin Stihl Stock Saw eingesetzt. Sie geht in Position. Einer ihrer Kollegen zeigt ihr den Start an. Dann geht es los. Mit einem Abwärts- und einem Aufwärtsschnitt schneidet sie an einem 40 Zentimeter dicken Holzstamm, der etwa einen halben Meter über Boden waagrecht an einem Betonpfeiler angebracht ist, zwei Cookies (Holzscheiben) ab.

 Mit 11, 51 Sekunden hielt Yolanda Hagmann bis vor kurzem in der Disziplin Stihl Stock Saw den Weltrekord bei den Damen. Bild: STIHL TIMBERSPORTS

11,51 Sekunden: Diese Zeit schaffte sie vor einem Jahr am Woman Cup in Polen, den sie, wie den Swiss Woman Cup 2019 in Lenggenwil, gewann. Mit diesen 11,51 Sekunden stellte sie einen neuen Weltrekord bei den Damen auf. Allerdings wurde der Rekord mit 10, 49 Sekunden kürzlich von einer deutschen Sportlerin gebrochen. Den Rekord bei den Männern übrigens hält ein Franzose mit 9,9 Sekunden.

Wir sind eine Familie. Das ist der Grund, warum ich diesen Sport so liebe.»

Yolanda Hagmann

Sie legt die Motorsäge zur Seite. Während sie die Schnittschutzhosen ablegt und an Oliver weitergibt, erzählt Yolanda Hagmann, dass sie ihre Entscheidung nie bereut habe. Woodchopping sei zwar ein Einzelkampf-Sport und doch sei man eine Familie. «Das ist der Grund, warum ich diesen Sport so liebe», sagt sie. Jeder helfe jedem. Wenn man alleine trainiere, könne man sich schnell Fehlhaltungen angewöhnen. Gegenseitig weise man sich auf Fehler hin und unterstütze einander. Aber auch wenn Frauen ähnlich geschickt sind wie die Männer, dürfen sie sich an Wettkämpfen «nur» in drei Disziplinen messen (Underhand Chop, Stihl Stock Saw und Single Buck). Bei Rookies sind es vier (+ Standing Block Chop) und bei den Herren sechs.

Sie zeigt mit dem Kopf zum Holzstamm, der vorhin von Oliver zu «Bieberfutter» verarbeitet wurde. Frauen seien beispielsweise für die Standing Block Chop-Disziplin nicht zugelassen, sagt die Athletin. «Noch nicht.» Es könnte vielleicht bald einmal soweit sein. Allerdings habe sie grossen Respekt vor dieser Disziplin, denn sie sei noch ungewohnt für sie.

Zur Wiege des Sports

In allen sechs Herren-Disziplinen an einer Meisterschaft teilnehmen zu können – und zu gewinnen, das ist Oliver Reinhards Ziel. Die Winterpause nutzt er deshalb und reist nach Neuseeland und Australien, insbesondere nach Tasmanien – zur Wiege des Woodchopping. Dort sollen Forstarbeiter um 1870 bereits Wettkämpfe ausgetragen haben. Der Motorsägenhersteller Stihl hat die Wettbewerbe ab 1985 in den USA professionalisiert und zu einem internationalen Sport gemacht. 

Beim Sägen mit der Einmannsäge kommt es auf Dynamik und Rhythmus an.

Er wolle etwas reisen und in Neuseeland trainieren, erzählt der Rookie und nimmt aus einem Gestell eine zwei Meter lange Einmannsäge heraus. Seine Kollegen bringen währenddessen einen neuen Holzblock an den Pfeiler an. Sorgfältig wird der Block auf Äste und Verwundungen kontrolliert, die den langen, scharfen Sägezähnen gefährlich werden und sie abbrechen lassen könnten.

Ich möchte reisen und in Neuseeland trainieren.

Oliver Reinhard

Oliver Reinhard setzt die Säge an und bereitet sich auf den Schnitt vor. Bei der Single Buck – Disziplin geht es um Rhythmus und Dynamik. Damit die Säge besser durch das Holz gleitet, sprayt Pirmin Gnädinger ein Ölgemisch auf das Sägeblatt. Dann beginnt Oliver zu sägen. Nur wenige Sekunden später liegt das Cookie am Boden. Yolanda Hagmann übernimmt die Säge und die Späne fliegen erneut.

Ein Teil der Axemen Club Nordostschweiz: Rico Aeschbacher, David Frei, Oliver Reinhard, Pirmin Gnädinger, Yolanda Hagmann und Stephan Hübscher (von links).
 

Disziplinen der Stihl Timbersports Serie

  • Hot Saw: Mit getunten, extrem leistungsstarken Motorsägen müssen von einem waagerecht verankerten Holzblock (Ø 46 cm) innerhalb eines Bereichs von 15 Zentimetern drei vollständige Cookies gesägt werden.
  • Springboard: Bei dieser Disziplin werden zwei Trittbretter (Springboards) in einen senkrecht verankerten Holzstamm (Log) platziert. Ziel ist es, einen auf der Spitze montierten Holzblock (Durchmesser 27 cm) zu durchschlagen. 
  • Single Buck: Mit einer etwa Zwei-Meter-Handsäge wird eine Holzscheibe von einem horizontal befestigten Block abgesägt (Durchmesser 46 cm).
  • Underhand Chop: Simuliert wird das Zerteilen eines bereits gefällten Baumes. Auf einem horizontal verankerten Block stehend, versuchen die Athleten durch Axtschläge den im Durchmesser 32 Zentimeter dicken Stamm zu durchschlagen.
  • Stihl Stock Saw: Bei dieser Disziplin arbeiten alle Teilnehmer mit der MS 660, einer handelsüblichen Motorsäge der Firma Stihl. Von dem waagerecht befestigten Holzstamm werden mit einem Abwärts- und einem Aufwärtsschnitt zwei Cookies (Holzscheiben) abgesägt. 
  • Standing Block Chop: Diese Disziplin simuliert das Fällen eines Baumes. Ein senkrecht verankerter Holzblock (Durchmesser 30 cm) muss so schnell wie möglich von der Seite durchschlagen werden. 

Quelle: stihl-timbersports.ch

Um Stihl geht es auch im Beitrag Eine Motorsäge mit sti(h)l.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.